Tim Roelofs, gebürtiger Niederländer, blieb bei seinen „Ausflügen“ die Welt kennen zu lernen, 1992 in Berlin hängen. 1992, drei Jahre nach der Grenzöffnung war Berlin - und ist es heute um so mehr - wirklich multikulturell. So fand Tim Roelofs nach Aufenthalten an der Algarve und Lissabon, Mallorca, südlicher Türkei, den USA und Mexiko in Berlin einen Ort mit extremer Freiheit und Vielfältigkeit und dabei dennoch einen beständigen Ort, um seine bisher gesammelten positiven, wie auch negativen Erlebnisse zu verarbeiten. Berlin 1992 war Umbruch, Aufbruch funktionierendes, lebendiges Chaos, künstlerische Freiheit – es gab noch 100 besetzte Häuser zu dieser Zeit in Berlin und eine phantastische Untergrund-Kunst. Wohnraum war billig - das Bier auch. In Berlin war möglich, was sonst nirgendwo auf der Welt stattfinden hätte können / dürfen! 
Ende Juli 1997 gab es dann in Berlin bereits nur noch 7 besetzte Häuser, eines darunter das „Tacheles“ das Kunsthaus und eine der Brutstätten der „Alternativen“, der „Chaos-Künstler“, der Kunst die aus dem Nichts kam, der Subkultur schlechthin. Das „Tacheles“ konnte sich halten,  300.000 Besucher erfreuten sich jährlich an der Kunst, welche im „Kunsthaus Tacheles“ teils entstand und gezeigt wurde. Tim Roelofs stellt zu dieser Zeit 1997 fest: „Berlin wird jeden Tag ein bisschen sauberer, steriler, uninteressanter, sicherer. Genauso wie es sich die Politiker wünschen. Noch zehn Jahre und Berlin wird genauso langweilig und austauschbar wie Hamburg, München oder Stuttgart. Schade, schade, schade!“
Es laufen zu dieser Zeit Bestrebungen, das Kunsthaus „Tacheles“ dem Kommerz zu opfern. Die Investoren wollen ein schönes Shopping-Center für die Luxusklasse. Will Berlin das totale Kaufhaus sein? Andererseits stehen 2 / 3 der Büro- / Shopping-Center leer.
Sechs Jahre lang hat Tim Roelofs Berlins Straßen mit seiner Nikon FM2 durchkreuzt. Festgehalten hat er die Aufbruch / Abbruchstimmung vor allem in Prenzlauer Berg, Mitte und Friedrichshain. Daraus sind ungefähr 3000 Foto-Montagen entstanden. Angereichert mit Texten, die er gesammelt hat und die einen Bezug zu den Ereignissen in Berlin besitzen.
Tim Roelofs Arbeitsweise: Angefangen hat Tim Roelofs damit, schwarz-weiß Fotos von den verkommenen Häusern im Osten zu machen, je kaputter, desto schöner.
 
Im Zusammenhang mit seinen fotografischen Arbeiten bezeichnete man ihn als „Ruinenromantiker“. 
Viele Fotos machte er auch von den oft phantastischen Sprüchen, die auf Häuserfassaden geschrieben waren. Die Ostbezirke waren einem rasanten Wandel unterzogen, Einschusslöcher, Müllhaufen, alter DDR-Hausrat waren für ihn in den ersten Berliner Jahren die Motive. Graffitis waren für ihn Ausdruck von Wut, Trauer und Freude. Jeden Tag gab es irgendwo neue Sprüche. Er lernte seine Bilder zu vergrößern, seine Negative zu entwickeln, er druckte seine Bilder auf das oft 15 Jahre alte OrWe Papier. Das ergab das schöne Grau, das er in Berlin so liebte. Für Tim Roelofs sind in Berlin die Graustufen erfunden worden. Ab 1994 hat er langsam angefangen mit der Montagetechnik. Normale Bilder waren ihm viel zu langweilig geworden. Karton, farbige Posterteile, Müll verarbeitete er in seinen Fotomontagen. Sie gaben seinen Bildern den für ihn wichtigen dreidimensionalen Effekt. Seit 1994 kann man wohl sagen, dass Tim Roelofs seine „Handschrift“ als Künstler gefunden hat. Eine Fotomontage von Tim Roelofs erkennt man jetzt unter 100 anderen Berliner Arbeiten. Altes Material wirft er nie weg. Noch heute zerschneidet oder vollendet er  Fotomontagen aus „the early days“ von 1993 – 94 – 95 – 96! Alter Müll liegt seit Jahren in seinem Atelier, bis er ihn verwendet. Ein Beispiel dafür ist die Fotomontage, die er  „Prenzl`berger Monopoly-Spiel“ nannte. Die zusammengeschnittene Häuserreihe, mit teilweise verfallenen und renovierten Häusern, konnte er mit dem irgendwann einmal gefundenen Monopoly-Spiel, das im Müll lag „bereichern“. Diese Montage ist beispielhaft für seine Arbeitsweise. Sie stellt unter anderem Häuser dar, in denen er selbst gewohnt hat, aus denen er wegen preistreibenden, teueren Hausrenovierungen „verjagt“ wurde. Sie ist dreidimensional mit Karton, und er hat sie teilweise braun getönt, um mehr Tiefe hinein zubekommen.

Seit 1995 verwendete er immer mehr Motive, die er in seinen Montagen bereits platzierte. Alles wird getan, um den für ihn wichtigen Effekt zu bekommen, z. B. die idyllisch ruhende Venus von Da Vinci vor einer Abbruchbude / Playmobilmenschen vor einer stillgelegten Fabrik / die heile Welt von Barbie, die entlang der heruntergekommenen Häuserzeile im Osten spaziert (auf ihrem kitschigen Pferd) / Schafe und Wölfe, die sich vor Spekulationsobjekten Gefechte liefern / der Neandertaler auf dem Potsdamer Platz, usw. usw.

Ab Anfang 1997 ist er mit seiner „Berlin-Story“ weitergegangen. Die Ausstellung im Zeughaus über die DDR-Propaganda im Alltag hat ihn inspiriert eine neue Art von Fotomontagen zu machen. Propaganda in der DDR, Propaganda in der neuen Ära (die des wiedervereinigten Deutschlands), nach seiner Meinung nach gab es in dieser Zeit in Deutschland genauso gut eine Form von Propaganda. Aber in unserem System wird sie viel verdeckter gemacht. In seinen neuen Arbeiten setzte er sich mit dieser Frage auseinander. Ist die Werbung, immer um uns herum, nicht auch eine Form von Propaganda? Tim Roelofs: „Steuern wir nicht auf eine McDonaldisierung der Welt zu? Ich sage in meinen Arbeiten nicht, ob dies gut oder schlecht ist, aber ich bringe die Frage auf. Die Besucher meiner Ausstellungen sollen sie beantworten. Wird Berlin schön wie nie! Diese Frage stelle ich mir!“

Tim Roelofs ist ein Außenseiter-Künstler und möchte dies auch bleiben. Dadurch, dass er sich selbst nicht so ernst nimmt – im Gegenzug aber andere auch nicht so ernst nimmt, ist er in der Lage den Menschen, natürlich und auch besonders den Berlinern, einen Spiegel vorzuhalten.

Für Tim Roelofs behält Berlin, sein Standort und Ort des Schaffens, Faszinierendes und Anziehendes: „Berlin ist eine Stadt auf der Suche nach seiner Identität - Berlin, die Stadt, die immer wird und nie ist.“

Edition: arte-international „Who is who in der internationalen Kunstszene“ 
© Copyright 2005 Reinhard Hager (www.arte-international.de) + Tim Roelofs

 

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