| Michael Ernst über Wilhelm
Hager und die Informelle Kunst
Künstler lassen sich historisch
einordnen, ihre Kunst kann zu einem gewissen Grad wissenschaftlich erfaßt
werden. Ihre Werke lassen sich mit Worten meist so beschreiben, daß
sie eindeutig identifizierbar sind.
Jenseits dieser Kategorien gibt
es den Künstler als autonome Persönlichkeit, den intellektuellen,
reflexiven Anspruch an das eigene Werk, seine mehr oder weniger zielgerichtete
Kreativität, sein emotionales oder sogar körperliches Engagement
während des Schaffensprozesses.
Wilhelm Hager hat mit sechzehn Jahren
eine klassisch-akademische Ausbildung an der Kunsthochschule Weimar begonnen,
in einem Alter also, indem das Nachvollziehen der Lehrinhalte sicherlich
wesentlicher war, als das Hinterfragen der eigenen Intentionen. Daß
Kunst von Können kommt, und daß Könnerschaft meßbar
sei, war ein Grundsatz der Lehre, dem auch Hager folgte.
Ab Ende der fünfziger Jahre
wandte sich Wilhelm Hager allerdings einer Kunstrichtung zu, die die bisherigen
Bewertungskriterien außer Kraft zu setzen schien. Die gegenstandslose
Malerei des Informell basierte nicht mehr auf Formelementen, die durch
Begriffe wie „Kreis", „Quadrat", „Rechteck" beschrieben werden konnten.
Im Gegensatz zur geometrischen Abstraktion zeichnete sich das Informell
durch seinen mangelnden theoretischen Überbau aus. Versuche, informelle
Werke kunstkritisch zu erfassen, geraten ins Schwimmen, weil die Bilder
objektiv keine sachlich umgrenzbaren Worte hergeben; sie weisen keine beschreibbaren
Elemente auf, die sie eindeutig identifizieren lassen. Die Bildfläche
wird zum Aktionsfeld, die Bildkomposition tritt zugunsten einer gesteigerten
Spontanität in den Hintergrund. Bei Hagers großformatigen mittels
Honigspendern und Heißluftföhn gemalten Lackbildern wurde durch
Geschwindigkeit ein Teil der Malkontrolle geopfert. Er überlistete
sich durch das gesteigerte Maltempo absichtsvoll, um Zufälliges hervorzurufen
und dadurch mit neuen malerischen Problemen konfrontiert zu werden. So
wie bei den Musikimprovisationen im Jazz die Komposition durch den konstanten
Dialog mit anderen Musikern entsteht, schafft der Maler ein Bild, indem
er ihm einen eigenen Willen zur Formwerdung einräumt, es als Gegenüber
ansieht. Durch den Prozeß des Mit- und Gegeneinander scheint etwas
zustande zu kommen, das nicht allein vom Künstler beeinflußt
worden ist. Dieses Anonyme wurde von Kandinsky, dem ersten abstrakten Maler,
als „mit dem Ganzen in Verbindung kommen" umschrieben.
Hagers Gespür für die
Gleichzeitigkeit von Idee und Ausführung dürfte zwei Quellen
gehabt haben. Seine eigenwillige Technik des Aquarellierens zwang ihn dazu
ein Bild binnen zwei oder drei Minuten zu malen. Und die in den fünfziger
Jahren entstandenen Bronzeköpfe von Thomas Mann, Hermann Hesse und
Theodor Heuss wurden in eineinhalb Stunden fertiggestellt, da er den Zeitdruck
dieser Persönlichkeiten respektierte.
Speziell beim Portraitieren kommt
Hagers Arbeitsweise deutlich zum Vorschein; seine Modelle müssen sich
bewegen, halten sie für längere Zeit still, gerät auch Hager
aus seinem Schaffensfluß. So mußte der Künstler immer
einen Dialog mit dem zu Portraitierenden aufrechterhalten, um Lebendigkeit
und möglichst viele Facetten des Gesichtsausdrucks widerspiegeln zu
können. Vielleicht läßt sich Hagers Vorgehensweise mit
der Arbeit eines Modefotografen vergleichen, der innerhalb kürzester
Zeit eine Vielzahl von Aufnahmen eines sich bewegenden Modells macht. Während
der Blick dem zu Portraitierenden folgt, setzen die Hände in diesem
Fall das Gesehene zeitgleich in Ton um.-
Die neben den expressiv-vegetativen
Lackbildern 1998 in der Galerie Gerling, Bettingen/Eifel gezeigten Skulpturen
aus Alusil sind nicht nur hinsichtlich ihrer Form, sondern auch speziell
hinsichtlich ihrer Machart einzigartig. Sie weisen nicht nur die „Nicht-Form"
auf, die vielen Skulpturen des Informell gemeinsam ist, sondern sie flechten
auch durch die gesteigerte Geschwindigkeit das Moment des Zufalls mit ein.
Der Ausgangspunkt dieser Arbeiten ist ein Styroporblock, aus dem in Windeseile
mittels eines florettartigen heißen Drahtes eine Skulptur herausmodelliert
wird. Auch hier werden, wie in der Malerei, die durch Geschwindigkeit eigens
hervorgerufenen Problemstellungen sofort pariert - in diesem speziellen
Fall sogar mit einem Florett. |